Agnus castus - ein gepfeffertes Heilmittel

Es erfreut den Gaumen, beeinflußt die Libido, und es schützt vor dem "Wolf". Was da recht abenteuerlich oder gar nach Therapeutenlatein klingt, ist jedoch schon seit dem Altertum bekannt. Bereits Hippokrates schätzte die Qualitäten des Agnus castus, einer Heilpflanze, die es in sich hat.

Der Name Agnus castus entstand aus dem lateinischen "castitas" (Keuschheit, Reinheit) und aus dem Irrtum, daß das griechische Wort "agnos" die gleiche Bedeutung habe wie das lateinische Wort "agnus" ( Lamm). Auch die volkstümlichen Namen Mönchspfeffer, Keuschlamm und Abrahamsstrauch weisen bereits auf eine anaphroditische Wirkung der Pflanze hin. Vitex Agnus castus gehört zur Familie der Verbenaceen, der Eisenkrautgewächse. Der wissenschaftliche Gattungsname Vitex leitet sich vom lateinischen "vitilium" (Flechtwerk) ab.

Der zwei bis vier Meter hohe, aromatisch duftende Strauch mit hellbraunen Zweigen ist im Mittelmeergebiet, auf der Krim und in Zentralasien beheimatet, wo er in Bachbetten und an Flußufern wächst. Er wird aber auch vielfach als Kulturpflanze im Freiland und in Kübeln gehalten. Häufig ist er an den gleichen Orten wie Oleander und Tamarisk-Büsche zu finden. Die pfefferkorngroße, dunkelbraune bis schwarze Frucht ist eine viersamige Steinbeere mit pfefferartigem Geruch und Geschmack. Ungewöhnlicherweise beginnt Agnus castus erst in den trockeneren Monaten Juli und August zu blühen, also in einer Zeit, in der weniger Wasser zur Verfügung steht.

Geschichtliches und Allgemeines

Schon in der antiken Heilkunde wurde Vitex Agnus castus hoch geschätzt. So wird von einer Statue des Gottes Äskulap berichtet, die aus dem Holz des Vitex bestand. Dies symbolisierte die Heilkraft des Strauches. Der Strauch, der allgemein als Sinnbild der Keuschheit galt, wird bereits von Hippokrates, Plinius, Dioskurides und Galenus erwähnt. Auf Wanderungen, als vorbeugendes Mittel gegen den "Wolf" galt es, Zweige des Agnus castus in der Hand zu tragen. Bei den Thesmophorien, einem Fest zu Ehren der Demeter, schmückten sich die Jungfrauen mit den Blüten des Strauches und benutzten ihn als Lager. Nach der griechischen Mythologie wurde die Göttin Hera unter einem Agnus castus-Strauch geboren. In Italien werden auch heute noch die Wege zum Kloster für die Novizen mit den Blüten bestreut. Die Früchte dienen im Süden, wie früher auch bei uns, als Pfefferersatz. Der Name Mönchspfeffer rührt vom Gebrauch der Früchte in den Klosterküchen her. Die scharf-schmeckenden Blätter wurden dagegen beim Bierbrauen als Hopfenersatz verwendet.

Therapeutische Verwendung

Der medizinische Nutzen von Agnus castus wird erstmals von Hippokrates (4. Jh. vor Chr.) erwähnt. Er empfahl Agnus castus unter anderem als Mittel gegen Verletzungen, Entzündungen und Milzschwellung. Nach Dioskurides (1.Jh. n. Chr.) hat der Samen der Pflanze eine erwärmende, zusammenziehende Kraft. Die Frucht sei gut gegen den Biß wilder Tiere und heilsam bei Milzschwellungen und Wassersucht. Bei Gebärmutterkrankheiten und Entzündungen wurden Sitzbäder mit Abkochungen des Samens und des Krautes empfohlen. Erwärmende und zusammenziehende Wirkung schrieb auch Lonicerus (1679) der Pflanze zu. Er empfahl ihre Beeren und Blätter als Anaphrodisiakum, Emmenagogum, Karminativum, Galaktogogum und gegen Wassersucht, Leber- und Milzsucht. Äußerlich ließ er die Blätter, in Wein gekocht, gegen Mund- und Zahngeschwüre, Rhagaden und Entzündungen der Genitalien anwenden. Matthiolus hob besonders die Unkeuschheit hervor und verordnete Agnus castus zusammen mit Seeblumenwasser gegen Gonorrhöe. Johnson rühmte es als leber- und milzreinigend, dienlich gegen Schwellungen der Genitalien, Schmerzen und Entzündung des Uterus und Kopfschmerzen. Von Haller nannte ebenfalls Gonorrhöe und Unkeuschheit als Hauptindikationen von Agnus castus.

Gerhard Madaus beschreibt die Anwendung wie folgt: "Agnus castus Präparationen werden traditionell in der Frauenheilkunde angewendet und allgemein bei sexuellen Störungen. Die Impotenz wird mit starken Dosen erhöht, mit schwachen behoben. Man gibt das Mittel bei Spermatorrhöe, Prostatitis, Orchitis, Pollutionen, sexueller Neurasthenie, die sich z. B. in Hypochondrie, Schlafsucht, Kopfschwindel und Gehörminderung mit Brausen äußert. Verwendet wird es auch bei Sterilität der Frauen, Milchmangel der Wöchnerinnen, bei Amenorrhöe mit Uteruskongestionen und -schmerzen, Schwellung und Reizung der Ovarien, auch mit peritonealen Symptomen. Darüber hinaus wird es bei Milzschmerzen und Erkrankungen mit Flüssigkeitseinlagerungen in Geweben und Körperhöhlen eingesetzt" (Lehrbuch der biologischen Heilmittel).

Gerhard Madaus war es auch, der die noch weitreichenderen Qualitäten des Agnus castus erkannte und feststellte: "Will man Agnus castus mit Hormonen vergleichen, so scheint es eine starke Corpus-luteum-ähnliche Wirkung zu besitzen. Von allen bisher untersuchten Pflanzen übt Agnus castus den stärksten verzögernden Einfluß auf die Menstruation aus. Die Fortpflanzung wurde durch das Mittel in keiner Weise nachteilig beeinflußt."

Experimentelle Untersuchungen führten inzwischen zu dem Ergebnis, daß Präparate mit Agnus castus sowohl anhand morphologisch erkennbarer Organbefunde als auch aufgrund hormoneller Begleiterscheinungen in der Lage sind, den weiblichen Sexualzyklus gezielt zu verändern.

Die heutige Homöopathie nutzt die Heilkräfte des Agnus castus vor allem bei Sexualstörungen und als Aphrodisiakum. Zur Herstellung der Präparate dienen besonders die frischen, im Herbst geernteten Früchte. Sie enthalten ätherische und fette Öle, Iridoidglykoside und Flavonoide.

Das Wirkprinzip von Agnolyt

Für die Wirkung von Agnolyt – einem Extraktprodukt von Agnus castus zur Behandlung von Zyklusstörungen und prämenstruellem Syndrom – wird nach den vorliegenden Untersuchungen folgendes angenommen: Angriffspunkt ist die Achse Hypothalamus - Hypophysenvorderlappen (HVL). Das Präparat zeigt hier eine gonadotrope Funktion und bewirkt eine vermehrte Ausschüttung des luteinisierenden Hormons (LH) mit konsekutivem Anstieg des Progesteronspiegels. Aufgrund des dopaminergen Effektes kommt es zu einer Hemmung der Prolaktinsekretion.